Auf dem Jahresabschlußessen des britischen Industrieverbands CBI im Mai sagte Sir Clive Thompson, Generaldirektor von Rentokil-Initial: „(...)eine dritte Partei, die sich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stellt, kann nur störend wirken (...) und unser Streben nach Qualität unterminieren." Am 15. Juni startete die FIET, der Internationale Bund der Privatangestellten, eine Kampagne auf dem Internet gegen Rentokil-Initial, in der sie forderte, den britischen Angestellten die Beteiligung am Europäischen Betriebsrat der Gruppe zu ermöglichen. Zwei Tage später nahm das Unternehmen mit FIET Kontakt auf, und die Gespräche begannen am 1. Juli.
Vielleicht ist diese Abfolge der Ereignisse ein Zufall, doch Zufälle dieser Art häufen sich. Klar ist jedoch, daß in den letzten Jahren der Einsatz von Internet von Seiten der Gewerkschaften weltweit zugenommen hat.
Von Seoul bis Sao Paulo, von Manchester bis Manila und von Kapstadt bis Québec wenden die Gewerkschaften immer häufiger das World Wide Web in phantasievoller und innovativer Weise an. Trotz der herrschenden Probleme mit dem Internet-Anschluß ist die Arbeit der Gewerkschaften weder auf die weiter entwickelten OECD-Wirtschaften, noch innerhalb dieser Länder auf die technischer orientierten Gewerkschaften beschränkt.
Es gibt weltweit mehr als 1 700 Gewerkschafts-Webseiten, und täglich kommen neue hinzu. Die Entwicklung begann jedoch langsam. Zunächst richteten viele Gewerkschaften Webseiten ein, ohne sich große Gedanken darüber zu machen, was sie eigentlich nutzen sollten – ganz im Einklang mit der Reaktion zahlreicher Unternehmen auf die neuen Technologien. Es waren „Show-Seiten" mit einem Bild des Generalsekretärs, dem Logo der Gewerkschaft, fast keiner Information und wenig oder gar keinen interaktiven Elementen.
Während Tarifstreitigkeiten haben die Gewerkschaften die spektakulärsten Ziele auf dem Internet erreicht. Drei jüngere Beispiele sind besonders beeindruckend: Der Streit der Dockarbeiter in Liverpool, der Bridgestone/Firestone-Fall und der Streik der US-Teamsters bei United Parcel Service.
Der Fall Liverpool war einer der wichtigsten Momente für das Erkennen der Möglichkeiten des Internet durch Gewerkschaftsaktivisten. Nahezu aus dem Nichts wurde eine internationale Kampagne aufgebaut, die nur von unbezahlten Internet-Enthusiasten der Arbeiterbewegung aufrechterhalten wurde. Zum größten Teil unabhängig von den eigenen Hauptquartieren der Docker-Gewerkschaft (TGWU) operierend, wurden erstaunliche Dinge erreicht. Zwei internationale Aktionstage wurden koordiniert, Konferenzen wurden veranstaltet, Fonds aufgebracht und die Informationen weltweit verbreitet. Die Informationskampagne war so erfolgreich, daß Leiter des Mersey Docks and Harbour Board (MDHB) sich beschwerten, daß das internationale Image Liverpools zu dem eines Streikhafens verzerrt wurde. Der wichtigste Gewinn für die Docker war, daß wenn Schiffe an den MDHB-Häfen andockten, sie ausgegrenzt wurden und keine amerikanischen Häfen anlaufen konnten. Amerikanische Hafenarbeiter, die mit den Dockern über deren Webseite verbunden waren, weigerten sich, die Linien der Streikposten zu durchbrechen, die von lokalen Gewerkschaftsaktivisten aufgestellt worden waren.
Diese internationalen Verbindungen überlebten die Niederlage der Docker von Liverpool und wurden rasch wiederaufgenommen, als Anfang diesen Jahres die australischen Docker den heftigsten Tarifstreit seit dem Krieg ausfechten mußten. Die Seeschiffahrts-Gewerkschaft Australiens und die Internationale Transportarbeiterföderation nutzten das Internet zum Aufbau weltweiter Unterstützung. Wieder einmal weigerten sich die amerikanischen Hafenarbeiter, die Streikposten zu durchbrechen.
Chris Bailey vom LabourNet und Koordinator der Webseite der Liverpool Dockers hält diese Verbindung der Welt der Computer und der Docks überhaupt nicht für überraschend: „Der Einsatz von Computertechnologie durch die Arbeitgeber war für die internationale Rationalisierung von Häfen und Transportwesen von entscheidender Bedeutung. Ohne sie wären die heutigen internationalen Strukturen von Transport und Vertrieb undenkbar." Bailey sagt, die Reaktion der Gewerkschaften auf die Globalisierung muß heute, genau wie im 19. Jahrhundert bei Einführung des Freihandels, in der internationalen Solidarität bestehen. „Doch heute brauchen wir dazu Computer-Kommunikation".
Die 20 Millionen Mitglieder starke Internationale Föderation von Chemie-, Energie-, Bergarbeiter-, und Fabrikarbeiterverbänden (ICEM) ist eine der Pionierinnen. ICEM war die erste Gewerkschaft, die einen „Cyber-Streikposten" für ein multinationales Unternehmen schuf – den Reifenmulti Bridgestone/Firestone. ICEM unterstützte ihre amerikanische Mitgliedsgewerkschaft in einem Streit, der zur Entlassung von Hunderten von Arbeitern führte. Symbol der Kampagne war die schwarze Flagge, was im Autorennen sofortige Disqualifizierung aufgrund schweren Regelverstoßes bedeutet.
ICEM fand die E-Mail-Adressen wichtiger Führungskräfte von Unternehmen weltweit und veröffentlichte sie auf ihrer Webseite, wo sie Mitgliedsgewerkschaften und Sympathisanten aufforderte, E-Mails zur Unterstützung der Arbeiter mit einer Kopie der Computergraphik von der schwarzen Flagge zu versenden, die von ICEM-Webseite heruntergeladen werden konnte. Als Reaktion auf diese Aktion des „Cyber-Streikpostens" gestand das Unternehmen der französischen Tageszeitung Le Monde, daß es eine parallele E-Mail-Struktur geschaffen habe, um den Zusammenbruch des Systems aufgrund von Unterstützungsbotschaften zu verhindern.
Die Gewerkschaften sind überzeugt, die Cyber-Kampagne spiele eine wichtige Rolle bei ihrem Erfolg in diesem Arbeitskampf. Eines der Ziele bestand darin, eine negative Medien-Berichterstattung für das Unternehmen zu schaffen, und sie weisen auf den Start der Kampagne im Juli 1996 hin, als die Story auf der Titelseite der Financial Times Europa erschien. Das Unternehmen reagierte mit einer riesigen Werbekampagne in den USA, wo immer sich ein Reifenproduktionswerk befand, für laut Berechnungen der Gewerkschaft schätzungsweise 5 Millionen Dollar.
Jim Catterson, ein ICEM-Funktionär, sagte: „In der Kampagne Bridgestone/Firestone verwendete zum ersten Mal eine Gewerkschaft die eigene Web-Präsenz eines Unternehmens gegen dieses Unternehmen." Die ICEM-Webseite nannte Mitgliedern und Sympathisanten die E-Mail-Adressen des Unternehmens in jedem Land, seine Filialen, seine Verkaufspunkte und seine Lieferanten. Die Gewerkschaftsseite nannte weiterhin die Namen von Großaktionären von Brigestone (Banken usw.), und stellte somit Verbindungen zu den Webnetzen dieser Investoren her.
Catterson weist darauf hin, daß „fast alle dieser Informationen von den Webseiten des Unternehmens selbst stammten: Manchmal veröffentlichten wir nur eine Verbindung zu ihren eigenen Kontaktlisten." Catterson meint, „dies ist keine Form von „Cyber-Terrorismus", sondern eher eine Möglichkeit, das Bewußtsein für einen Arbeitskampf zu schaffen und Informationen zu verbreiten, außerdem ermöglicht es Einzelpersonen, einfach und kostengünstig etwas zu tun".
Womöglich der erste nationale Arbeitskampf, in dem eine Gewerkschaft das Internet einsetzte, war der US-Teamsters Streik in United Parcel Services im letzten Jahr.
Die Teamsters kombinierten traditionelle und High-Tech-Methoden zur Kommunikation mit den Mitgliedern und zur Durchführung des Streiks. Ihre Webseite enthielt täglich, manchmal sogar zweimal am Tag, druckfertige Kopien der Teamster UPS-Aktualisierung in perfekter Schriftsatzqualität, die von den lokalen Gewerkschaftsmitgliedern heruntergeladen, fotokopiert und an die Mitglieder verteilt werden konnten. Die Webseite versendete Pressemitteilungen, Kopien von Flugblättern, Analysen der Angebote des Unternehmens, Tätigkeitsberichte aus dem ganzen Land und Nachrichten über die Unterstützung durch andere Gewerkschaften. So rief die Webseite auch freiwillige aus dem ganzen Land zur Unterstützung in den einzelnen Regionen auf.
Die Teamsters organisierten auch die weltweit größte Telefonkonferenzschaltung; Vorsitzender Ron Carey war mit jeder Teamsters-Halle im Land verbunden, um die neuesten Verhandlungsergebnisse durchzugeben.
Diese Erfahrungen wurden ausgebaut. Andy Banks, Kampagnenleiter, erklärt: „Auf dem Weltkongreß des ITWF (Internationaler Transportarbeiterverband) für die UPS-Gewerkschaften entwickelten wir Pläne für nationale Internet-Stewards. Für jedes Land würde ein UPS-Internet-Steward bestimmt werden, der Englisch lesen und schreiben kann. Er oder sie würde dann jeden Monat einen Länderbericht von weniger als einer Seite Länge an die anderen Internet-Stewards e-mailen, so daß die nationalen Gewerkschaften dies verteilen könnten. Auf diese Art und Weise könnte die Übersetzung der verschiedenen Monatsberichte aus dem Englischen in die jeweiligen Muttersprachen rasch durchgeführt werden. Sowohl die nationalen Gewerkschaftsfunktionäre als auch die UPS-Vertreter würden schnell und genau über weltweite Nachrichten informiert. Die gleiche Struktur könnte natürlich in der Zukunft dazu dienen, weltweite Aktionen zu mobilisieren."
Allgemeiner gesprochen existiert nunmehr eine lockere, internationale Koalition aus einzelnen Arbeitsaktivisten im Internet, lokalen Büros, nationalen Gewerkschaften, internationalen Vereinigungen und verschiedenen Unterstützungsorganisationen für die Gewerkschaften. Dieses Netz beruht auf neuen, offenen, horizontalen Kommunikationskanälen. Alte, hierarchische, offizielle, vertikale Kommunikationsstrukturen bröckeln, da nunmehr jeder aktive Gewerkschafter mit einem Computer und einem Modem Strategien und Taktiken mit seinen (oder ihren) KollegInnen in fünf Kontinenten diskutieren und Informationsquellen erschließen kann, die nur fünf oder zehn Jahre zuvor den Neid aller nationalen Gewerkschaften zur Folge gehabt hätten.
Dieser Boom in internationalen Kontakten und Aktivitäten blieb einigen Arbeitgebern nicht verborgen. Der US-Anwalt Paul Heylman mahnte im letzten Jahr auf einer internationalen Konferenz von Transport-Arbeitgebern, sie sollten regelmäßig die Gewerkschafts-Webseiten für Nachrichten über neue Streikziele lesen, da „es sehr gut möglich ist, daß Arbeitskämpfe mehr und mehr internationalen Charakter annehmen werden".
Jim Catterson von ICEM sagt, daß der Einsatz des Internets weitreichende Konsequenzen für die Gewerkschaften haben wird: „Ich bin davon überzeugt, daß dies die Organisationsstrukturen ändern wird". Er geht davon aus, daß Forderungen der Gewerkschaften nach Zugang zu den Internet-Verbindungen der Arbeitgeber zu einem normalen Bestandteil der Tarifverhandlungen werden, vor allem bei den Unternehmen, die über Europäische Betriebsräte verfügen.
Gute Arbeitspraktiken in allen Bereichen, vom Web-Design bis zu Verhandlungstaktiken, können rasch weiterverbreitet werden, und folglich können Qualität und Effizienz der Webseiten der Gewerkschaften dramatisch und zu sehr günstigen Preisen gesteigert werden.
Wir können somit hoffen, internationale Lektionen für den Einsatz des WWW als Kampagne-Werkzeug auch in den britischen Gewerkschaften zu finden. Gewerkschaften in den USA und Kanada verwenden anspruchsvolle Beratungsseiten im Stile „Wählt Gewerkschaften", um gewerkschaftlich organisierte Unternehmen nach Produkt und Region aufzulisten.
In Schweden und Finnland verwenden die Gewerkschaftszentren ihren Zugang zu ihrer Mitgliederbasis, um Computer im Großeinkauf zu bestellen, damit möglichst viele Gewerkschafter angeschlossen sind. Anschließend verkaufen sie die voll ausgestatteten Computer zu Preisen an die Mitglieder, die bis zu 30 % unter den Einzelhandelspreisen liegen. Julie Scott vom britischen Gewerkschaftsbund sagt, dies konzentriere sich eher auf die Mitglieder als auf Einzelpersonen, biete kostenlose Bedarfsanalyse, einen Beratungsdienst und preiswerte Web-Software.
Donald MacDonald, Vorsitzender der Gewerkschaft der britischen Kommunikationsarbeiter, ist enthusiastisch: „Gewerkschaften müssen die Technologie nutzen und zur Organisation und zum Kampf gegen schlechte Arbeitgeber nutzen. Die Technologie kann Gewerkschaftsaktivisten Macht und wertvolle Erfahrungen verschaffen – wir sollten sie vor allem als eine Erweiterung der Demokratie verstehen".
MacDonald sieht die Internet-Aktivitäten der Gewerkschaften als unerläßlich an, und er warnt: „Das Internet hat die Macht, die Übertragungsmöglichkeiten umzuleiten, Produktionsstraßen zu kontrollieren, neue Produkte zu bestimmen und das Ungleichgewicht in der Weltwirtschaft noch weiter zu vertiefen. Es ist ein sehr politisches Werkzeug, und wir müssen am Ball bleiben, um es zu verstehen und möglichst die negativen Begleiterscheinungen des massiven elektronischen Aktivismus auszugleichen".
Die fliegenden Streikposten haben vielleicht ausgedient. Doch die Cyber-Streikposten bleiben. Rentokil-Initial kann Euch mehr dazu erzählen..
(Artikel von Steve Davies in „People Management", September 1998)